17.02.2026
Geistliches Zentrum Kohlhagen

Dr. Gregor Gysi zu Besuch im Sauerland: „Fürchte eine religionsfreie Gesellschaft“

Jörg Winkel, Redakteur der Westfalenpost Olpe, beschreibt in hervorragender Weise, wie der Vortrags- und Gesprächsabend mit dem Politiker Dr. Gregor Gysi (Die Linke) im Geistlichen Zentrum Kohlhagen ablief. Dafür danken wir herzlich! Viel Vergnügen bei der Lektüre ...

Linken-Ikone spricht über Religion, Moral und die Herausforderungen der Gesellschaft – doch wie fiel Gysis Antwort auf die Frage nach der Bedeutung der Religion aus?

Volles Haus

Wie bekommt man in Zeiten der Kirchenkrise ein Gotteshaus voll bis auf den letzten Platz? Die Patres auf dem Kohlhagen wissen es nun: Man lade einen bekennenden „Ungläubigen“ ein, und schon kommen die Leute in Scharen. Am Dienstagabend war Dr. Gregor Gysi zu Gast auf dem Kohlhagen: „Braucht die Gesellschaft die Religion?“, so das Thema zu dem das Geistliche Zentrum geladen hatte. Im Pilgersaal waren alle 100 Plätze bereits über eine Stunde vor Beginn komplett besetzt, und auch die benachbarte Wallfahrtskirche, in der Gysis Vortrag live übertragen wurde, war voll; über 200 Besucherinnen und Besucher hatten hier Platz genommen, um den amtierenden Alterspräsidenten des Deutschen Bundestages und die Ikone der Linkspartei zu erleben.

Erwartungen erfüllt

„Erleben“ passt auch ziemlich exakt, um zu beschreiben, was den Abend ausmachte: Der Politiker und promovierte Rechtsanwalt erfüllte alle Erwartungen, die an ihn als eloquenten Redner, unterhaltsamen Gesprächspartner und vielfältig gebildeten Menschen gestellt wurden. Das eigentliche Thema des Abends indes nutzte Gysi im Wesentlichen als Ausgangspunkt für einen Parforce-Ritt quer durch Politik und Gesellschaft.

Pater Siegfried Modenbach, der die Begrüßung übernahm, zeigte sich vom Echo auf die Einladung verblüfft: „Wir sind jetzt seit fünf Jahren hier auf dem Kohlhagen, aber diese Veranstaltung toppt alles, was bisher war.“ In der Tat zeigte auch die Struktur des Publikums, dass Referent und Thema den Nerv getroffen hatten. Von 16 bis über 90 Jahre alt waren die Gäste; sie kamen aus dem gesamten Kreis Olpe und darüber hinaus. Sogar ein Gast aus der Schweiz nutzte eine anstehende Familienfeier in der Heimat, um den Vortrag „mitzunehmen“.

Furcht vor einer religionsfreien Gesellschaft

Pater Jürgen Heite erläuterte das Thema des Abends näher. Es gehe um die Frage, ob die Gesellschaft die Religion brauche, wobei damit nicht die „Spiritualität für den einzelnen“ gemeint sei, sondern die Rolle der Religion als Einrichtung. Gysi erklärte, er erhalte gerade in jüngerer Zeit immer häufiger Einladungen in Kirchen, wozu wohl seine Aussage geführt habe, dass er, obwohl nicht gläubig, eine Gesellschaft ohne Religion fürchte. Dieser Dialog zwischen ihm als nicht gläubigem Menschen und kirchlich gebundenen Kreisen sei wohl eine Folge der Tatsache, dass riesiger Bedarf herrsche, miteinander zu sprechen, um sich zu erklären, wohin die Welt sich entwickle. „Als religionsfreier Mensch fürchte ich eine religionsfreie Gesellschaft“, bestätigte er die These, die dazu geführt hatte, dass Pater Siegfried Modenbach Gysi zu dem Vortrag eingeladen hatte.

Ohne Religion keine Moral

„Ohne Religion hätten wir keine allgemein verbindliche Moral, auch wenn sich bei weitem nicht alle daran halten.“ Gleichzeitig warnte er davor, Kirchen und Religionen gleichzusetzen. Insbesondere zeichne das Christentum aus, ein Neues Testament zu haben. […] „Stellen Sie sich das Christentum mal ohne Neues Testament vor. Ohne das hätten wir keine Bergpredigt. Und die prägt unsere Moral, zusammen mit den Zehn Geboten.“ Er lese oft und viel in der Bibel und habe aus der Bergpredigt zumindest soviel mitgenommen: „Ich kann zwar meine Feinde nicht lieben, aber ich schaffe es wenigstens, nicht zurückzuhassen.“ Gysis These: „Die Nächstenliebe, man kann auch sagen Solidarität, ist tiefer in uns verwurzelt, als mancher glaubt.“ Das zeige sich stets, wenn akute Notlagen entstünden oder auch bei den „Tafeln“.

Leistungsprinzip und Chancengleichheit

Dann wurde er kurz politisch und ging auf die Vermögensverteilung in Deutschland und der Welt ein. „Ich bin ja ein Anhänger des Leistungsprinzips. Die fünf reichsten Deutschen haben mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Gesellschaft. Und ich kann einfach nicht glauben, dass diese fünf mehr leisten als 42 Millionen.“ Chancengleichheit sei eine Pflicht der Gesellschaft. So müsse das Kind eines Bürgergeldempfängers dieselbe Chance auf Schulbildung haben wie das des Hochadels. Und als ein Weg zu mehr Chancengleichheit müsse die Bildungslandschaft reformiert werden. „Zeugnisse müssten in jedem Dorf, in jeder Stadt gleich viel wert sein“ und nicht von Land zu Land verschieden.

„Es geht um Mehrheiten, nicht um Wahrheit“

Dass inzwischen 44 Prozent der Deutschen der etablierten Politik misstrauten, liege daran, „dass in der Politik zu selten die Wahrheit gesagt wird. Denn es geht um Mehrheiten, nicht um Wahrheit.“ Er forderte, in der Politik müssten „immer die wahren Beweggründe gesagt werden.“ Überforderung werde nicht zugegeben. „Politiker dürfen offenbar nicht sagen, wenn sie nicht weiterwissen.“ Dabei sei dies nötig, um den Menschen wieder eine Perspektive für ein planbares Leben zu geben. Eltern müssen wieder wissen, dass es ihren Kindern besser gehen wird als ihnen.“

Die Demokratie ist gefährdet

Gysis Theorie zur derzeitigen Lage in der Welt: „Die Eliten hinter Trump wollen verhindern, dass China die Weltmacht Nummer eins wird.“ Um dies zu erreichen, wollten sie China imitieren, das mit totalitärem Vorgehen schneller vorankomme als eine Demokratie. „Die USA wollen so effizient werden wie China. Und die AfD und Le Pen wollen das auch. Deshalb ist die Demokratie so gefährdet, von außen wie von innen.“ Daher müssten sich alle zusammenschließen, „die das verteidigen wollen“. Er sagt voraus: „China wird die Weltwirtschaftsmacht Nummer eins.“ Das Vorgehen in den USA sei ein Aufblähen vor dem Zusammenfallen, so wie es einst in Griechenland und Rom geschehen sei, als deren Zeit als Weltmächte vorbei war.

Ein Atheist setzt auf den Papst

Und dabei könne die Kirche eine große, wichtige Rolle spielen, insbesondere der Papst: „Denn der kann eine weltweit anerkannte Autorität sein. In der katholischen Kirche gibt es schwarze, weiße, rote und gelbe Christen. Der Papst kann gar nicht rassistisch sein.“ Die letzte weltweit anerkannte Autorität sei Nelson Mandela gewesen, und so etwas könne auch ein Papst. Er setze große Hoffnungen in Leo XIV., sein Vorgänger Franziskus habe viele Ansätze in diese Richtung gezeigt.

Gute Impulse und Anstöße zum Nachdenken

Nach einer kurzen Pause, in der viele die Gelegenheit nutzten, ein Erinnerungsfoto mit Gregor Gysi aufzunehmen oder sich ein Buch von ihm signieren zu lassen, konnten die Gäste dem 78-jährigen Berliner auch Fragen stellen – eine Möglichkeit, die rege genutzt wurde. Am Ende verließen die Zuhörer das Geistliche Zentrum zumindest mit der Gewissheit, einen höchst unterhaltsamen Abend mit vielen Impulsen erlebt zu haben, auch wenn das eigentliche Thema nicht in der Tiefe diskutiert worden war, das sich manche erhofft hatten. Aber die Anstöße zum Nachdenken dürften bei wohl jedem und jeder so groß sein, dass dieser Abend Nachwirkung hat.

Text: Jörg Winkel, Redakteur lokal, Westfalenpost